Sitz Hamburg-Wandsbek
Witthöfftstraße 8, 22041 Hamburg
 
 
 
 
 
 

 
 
Kostproben aus Claudius' Werken

 

Abendlied

Der Mond ist aufgegangen
Die goldnen Sternlein prangen
         Am Himmel hell und klar;
Der Wald steht schwarz und schweiget,
Und aus den Wiesen steiget
         Der weiße Nebel wunderbar.

Wie ist die Welt so stille,
Und in der Dämmrung Hülle
         So traulich und so hold!
Als eine stille Kammer,
Wo ihr des Tages Jammer
         Verschlafen und vergessen sollt.

Seht ihr den Mond dort stehen? -
Er ist nur halb zu sehen,
         Und ist doch rund und schön!
So sind wohl manche Sachen,
Die wir getrost belachen,
         Weil unsre Augen sie nicht sehn.

Wir stolze Menschenkinder
Sind eitel arme Sünder,
         Und wissen gar nicht viel;
Wir spinnen Luftgespinste,
Und suchen viele Künste,
         Und kommen weiter von dem Ziel.

Gott, laß uns  d e i n  Heil schauen,
Auf nichts Vergänglichs trauen,
         Nicht Eitelkeit uns freun!
Laß uns einfältig werden,
Und vor dir hier auf Erden
         Wie Kinder fromm und fröhlich sein!
                        *   *   *
Wollst endlich sonder Grämen
Aus dieser Welt uns nehmen
         Durch einen sanften Tod!
Und, wenn du uns genommen,
Laß uns in Himmel kommen,
         Du unser Herr und unser Gott!

So legt euch denn, ihr Brüder,
In Gottes Namen nieder;
         Kalt ist der Abendhauch.
Verschon' uns, Gott! mit Strafen,
Und laß uns ruhig schlafen!
         Und unsern kranken Nachbar auch!      

(1778 / 1783)

Abb.: Ludwig Richter, aus "Neuer Strauß fürs Haus" (1864)


Kriegslied

's ist Krieg! 's ist Krieg! O Gottes Engel wehre,
         Und rede du darein!
's ist leider Krieg - und ich begehre
         Nicht schuld daran zu sein!

Was sollt ich machen, wenn im Schlaf mit Grämen
         Und blutig, bleich und blaß,
Die Geister der Erschlagnen zu mir kämen,
         Und vor mir weinten, was?

Wenn wackre Männer, die sich Ehre suchten,
         Verstümmelt und halb tot
Im Staub sich vor mir wälzten, und mir fluchten
         In ihrer Todesnot?

Wenn tausend tausend Väter, Mütter, Bräute,
         So glücklich vor dem Krieg,
Nun alle elend, alle arme Leute,
         Wehklagten über mich?

Wenn Hunger, böse Seuch' und ihre Nöten
         Freund, Freund und Feind ins Grab
Versammleten, und mir zu Ehren krähten
         Von einer Leich' herab?

Was hülf mir Kron' und Land und Gold und Ehre?
         Die könnten mich nicht freun!
's ist leider Krieg - und ich begehre
         Nicht schuld daran zu sein!

(1779 / 1783)

 

Täglich zu singen

Ich danke Gott, und freue mich
         Wie's Kind zur Weihnachtsgabe,
Daß ich bin, bin! Und daß ich dich,
         Schön menschlich Antlitz! habe;

Daß ich die Sonne, Berg und Meer,
         Und Laub und Gras kann sehen,
Und abends unterm Sternenheer
         Und lieben Monde gehen;

Und daß mir denn zumute ist,
         Als wenn wir Kinder kamen,
Und sahen, was der heil'ge Christ
         Bescheret hatte, amen!

Ich danke Gott mit Saitenspiel,
         Daß ich kein König worden;
Ich wär geschmeichelt worden viel,
         Und wär vielleicht verdorben.

Auch bet' ich ihn von Herzen an,
         Daß ich auf dieser Erde
Nicht bin ein großer reicher Mann,
         Und auch wohl keiner werde.

Denn Ehr' und Reichtum treibt und bläht,
         Hat mancherlei Gefahren,
Und vielen hat's das Herz verdreht,
         Die weiland wacker waren.

Und all das Geld und all das Gut
         Gewährt zwar viele Sachen;
Gesundheit, Schlaf und guten Mut
         Kann's aber doch nicht machen.

Und die sind doch, bei Ja und Nein!
         Ein rechter Lohn und Segen!
Drum will ich mich nicht groß kastei'n
         Des vielen Geldes wegen.

Gott gebe mir nur jeden Tag,
         Soviel ich darf zum Leben.
Er gibt's dem Sperling auf dem Dach;
        Wie sollt' ers mir nicht geben!             *    

(1777)

 

Der Tod und das Mädchen

         Das Mädchen
Vorüber! Ach, vorüber!
Geh wilder Knochenmann!
Ich bin noch jung, geh Lieber!
Und rühre mich nicht an.

         Der Tod
Gib deine Hand, du schön und zart Gebild!
Bin Freund, und komme nicht, zu strafen.
Sei gutes Muts! ich bin nicht wild,
Sollst sanft in meinen Armen schlafen!      

(1774/1775)

Abb.: Aus Claudius´ Brief an J.H. Voß vom 21.8.1774

Die Sternseherin Lise

Ich sehe oft um Mitternacht,
         Wenn ich mein Werk getan
Und niemand mehr im Hause wacht,
         Die Stern' am Himmel an.

Sie gehn da, hin und her zerstreut
         Als Lämmer auf der Flur;
In Rudeln auch, und aufgereih't
         Wie Perlen an der Schnur;

Und funkeln alle weit und breit,
         Und funkeln rein und schön;
Ich seh die große Herrlichkeit,
         Und kann mich satt nicht sehn...

Dann saget, unterm Himmelszelt,
         Mein Herz mir in der Brust:
„Es gibt was Bessers in der Welt
         Als all ihr Schmerz und Lust.“

Ich werf mich auf mein Lager hin,
         Und liege lange wach,
Und suche es in meinem Sinn,
         Und sehne mich darnach.         

(1803)

 

Im Junius

Aber die Lenzgestalt der Natur ist doch wunderschön; wenn der Dornstrauch blüht und die Erde mit Gras und Blumen pranget! So 'n heller Dezembertag ist auch wohl schön und dankenswert, wenn Berg und Tal in Schnee gekleidet sind, und uns Boten in der Morgenstunde der Bart bereift; aber die Lenzgestalt der Natur ist doch wunderschön! Und der Wald hat Blätter, und der Vogel singt, und die Saat schießt Ähren, und dort hängt die Wolke mit dem Bogen vom Himmel, und der fruchtbare Regen rauscht herab -
         Wach auf mein Herz und singe
         Dem Schöpfer aller Dinge etc.
's ist, als ob Er vorüberwandle, und die Natur habe Sein Kommen von ferne gefühlt und stehe bescheiden am Weg' in ihrem Feierkleid, und frohlocke!             *
                                                                                                 

(1772 / 1775)

 

Brief an Andres die Illumination betreffend

Wir haben hier heint nacht Illumination gehabt, mein lieber Andres. Sieht Er, da hangen denn Lampen in allen Hecken und Bäumen, und sind solche Bogen und Säulen mit Lampen, und so 'n S. Michael der nach dem Lindwurm stößt, und die Gartenhäuser sind voll Lampen über und über, und dicht am Wasser sind Lampen, daß man die Fische kann spielen sehen, und gehn so viel Leut' aus Hamburg im Garten hin und her, sieht Er, und das heißt denn Illumination und ist recht kuriös zu sehen, und kostet viel öl. Ja, Andres, wir beide hätten unser Lebelang daran zu brennen gehabt, aber damit wär keine Illumination geworden, Andres, und wer 'n öl denn so hat, sieht Er, der läßt 'n denn so brennen.
Dergleichen llluminations nun sind nur für große Herren und Potentaten, doch kann unsereiner 's auch sehen, und Er hätt's auch sehen können wenn Er nicht immer am unrechten Ort wär. Ich hätt's Ihm wohl vorher melden können, aber ich dachte, 's wäre auch noch Zeit, wenn Er's nur nachher erführe. 's ist hier ein Prinz gewesen und eine Prinzessin, sieht Er, und darum hat's der gnädige Herr auch so schön gemacht, und die Kanonen auch lösen lassen. Wollte doch, daß ich's Ihm vorhergeschrieben hätte, so hätt' Er die Kanonen auch hören können. Doch, wenn Er leben soll, hat Er ja wohl noch Gelegenheit Kanonen zu hören. Ich wills Ihm sonst auch schreiben wenn wieder Illumination ist.
Sapperment, Andres, das waren 'nmal viele Lampen! auch stand der Mond am Himmel und schien - für den Prinzen, und für uns alle. Leb Er wohl. etc.             *

(1772/1775)

 

Der Besuch im St. Hiob zu **

Der Aufseher des Stifts heißt Bernard, und unser fünf oder sechs, lauter reisende Leute, welche die Herberge versammlet hatte, gingen hin es zu besehen. Der erste war Herr Tobel, ein ernsthafter Mann, der wenig sprach; der zweite, Herr Wange Prediger in der Nachbarschaft, ein Verwandter des Herrn Bernard und der eigentliche Anfänger und Anführer der ganzen Unternehmung; der dritte, wenn er für einen vollen Mann gelten soll, sein Sohn Fränzel, ein feiner Knabe von etwa zehn bis dreizehn Jahren; der vierte, Herr Sennert, 'n Bruder Studio, dem äußerlichen Ansehen nach; etc.
Unterwegs erzählte uns Herr Wange, daß er einen alten Bekannten im Stift habe, Herrn Cornelio. Dem starb seine Frau und sein Freund, und darauf ging er in den St. Hiob als Krankenwärter.
Herr Bernard empfing uns sehr höflich und bewirtete uns mit Karawantee; zeigte uns auch sein Naturalienkabinett, das ziemlich vollständig ist, sonderlich an Konchylien.
Nach verschiedenen Gesprächen über dies und das, kam's endlich zum Stiftbesehen und Herr Bernard ging voran.
Er führte uns zuerst zu den Wahnsinnigen, die gleich unten im Hofe am Eingang quartiert sind, ein jeder in einem kleinen Stübchen für sich.
So wie Leute, die noch zwischen Furcht und Hoffnung schweben, unglücklicher sind, als die schon Entscheidung haben; so scheinen einem die Wahnsinnigen, oder die zwischen Sinn und Unsinn schweben, unglücklicher zu sein als die Unsinnigen, und sie sind nicht so gräßlich, aber grauerlicher anzusehen. Wir sahen ihrer hier einige und dreißig, alt und jung, Männer und Weiber, und aus allen Ständen.
Herr Bernard wollte die Bemerkung gemacht haben, daß der Wahnsinn bei Weibsleuten sich immer auf Liebe oder Religion beziehe. Im St. Hiob fanden wir seine Bemerkung bestätigt, denn die Weibsleute sprachen alle wie Verliebte, oder predigten und prophezeiten. Bei den Männern trafen wir hier auch mancherlei andern Wahnsinn. Einer in einem grünen Schlafrock dünkte sich 'n Mohr und wusch sich emsiglich, kuckte ins Spiegel und wusch wieder, und seine weiße Comptoirmütze und eine Zitrone standen auf dem Tisch. Ein anderer stand mit verstörten Haaren und zeigte immer mit dem Finger nach einem Stundenglas das an der Wand hing, und seufzte dazu. Die merkwürdigsten von allen aber waren vier Brüder, die in Einem Zimmer beisammensaßen gegeneinander über wie sie auf dem Kupfer sitzen - Söhne eines Musikanten, und Vater und Mutter waren im St. Hiob gestorben. Herr Bernard sagte, sie säßen die meiste Zeit so und ließen den ganzen Tag wenig oder gar nichts von sich hören; nur sooft ein Kranker im Stift gestorben sei, werde mit drei Schlägen vom Turm signiert, und sooft die Glocke gerührt werde, sängen sie einen Vers aus einem Totenliede. Man nenne sie auch deswegen im Stift die Totenhähne.
Von hier gings zu den Unsinnigen. Ihre Kojen sind rundum in einem Zirkel gebaut, und in der Mitte steht ein großer Ofen, der im Winter geheizt wird. Nur etwa zwei Drittel davon waren itzo besetzt, und die Unglücklichen darin saßen, wie gewöhnlich, mit zerrissenen Kleidern und halb nackt, und sagten Greuel. Einer von ihnen war neun Jahre in der Sklaverei zu Algier gewesen, und hieß Hans Gumpert, und der war der wütigste von allen und hatte ungeheure Kräfte. Er hatte itzo eben eine gute Stunde, und als wir vor seine Klappe kamen, trat er heran und streckte die Hand heraus. Herr Tobel legte ihm einen Dukaten hinein und wir andern etwas Silbergeld; er warf aber alles weg und bat flehentlich um ein ganz kleines Stückchen Zucker.
Weiter brachte uns Herr Bernard in verschiedene Zimmer mit allerlei bösartigen Patienten, und denn kamen wir endlich in die große Krankenstube. Sie ist hoch, beinahe ein Quadrat, und es stehen drei Reihen Betten darin. Wir gingen hier von Bette zu Bette, und sahen in jedwedem einen Menschen liegen der elend war, mehr oder weniger.
Nicht weit vom Eingange trafen wir den Herrn Cornelio. Er hat helle Augen und eingefallene Backen, und ist lang und blaß. Herr Wange bot ihm freundlich guten Tag, und wollte ihn umarmen; das wollte er aber nicht, und sagte: er habe sich das Umarmen abgewöhnt.
Herr Bernard bat ihn, uns hier herumzuweisen, weil er hier am besten Bescheid wisse; und das ließ er sich gefallen und ging mit uns durchs ganze Zimmer, und sagte uns bei jedem Bette, den Namen des Kranken, seine Krankheit, wie lange er schon liege und sich quäle etc., auch allerhand Umstände aus ihrem Leben.
Am Ende des Zimmers war in einem Bette eine alte Frau eben gestorben, und Herr Bernard hieß sie herausnehmen und in die Leichenkammer tragen, und Herr Cornelio sagte uns indes wer sie gewesen und wie alt sie geworden, daß sie oft viel Schmerzen gehabt und immer so über die langen Nächte geklagt habe etc.
Aber Cornelio, sagte Herr Wange, wie können Sie alle Tage das Elend so ansehen?
Cornelio: „Ist es darum weniger, wenn ich es nicht sehe? Und sieht man es denn allein hier?“
Wir nahmen darauf Abschied und gingen weg, nicht ganz gleichgültig. Als wir wieder auf den Hof kamen, ward die Leiche signiert, und sowie der dritte Schlag gefallen war, fingen die vier Brüder an:
Ach Herr! laß dein' lieb' Engelein,
Am letzten End die Seele mein,
         In Abrahams Schoß tragen,
Den Leib in sein'm Schlafkämmerlein,
Gar sanft ohn' ein'ge Qual und Pein,
         Ruhn bis am Jüngsten Tage. etc.        

(1783)

 

An meinen Sohn Johannes 1799

Gold und Silber habe ich nicht;
was ich aber habe, gebe ich dir.

         Lieber Johannes!
Die Zeit kommt allgemach heran, daß ich den Weg gehen muß, den man nicht wiederkömmt. Ich kann Dich nicht mitnehmen; und lasse Dich in einer Welt zurück, wo guter Rat nicht überflüssig ist.
Niemand ist weise von Mutterleibe an; Zeit und Erfahrung lehren hier, und fegen die Tenne.
Ich habe die Welt länger gesehen, als Du.
Es ist nicht alles Gold, lieber Sohn, was glänzet, und ich habe manchen Stern vom Himmel fallen und manchen Stab, auf den man sich verließ, brechen sehen.
Darum will ich Dir einigen Rat geben, und Dir sagen was ich funden habe, und was die Zeit mich gelehret hat.

Es ist nichts groß, was nicht gut ist; und ist nichts wahr, was nicht bestehet.
Der Mensch ist hier nicht zu Hause, und er geht hier nicht von ungefähr in dem schlechten Rock umher. Denn siehe nur, alle andre Dinge hier, mit und neben ihm, sind und gehen dahin, ohne es zu wissen; der Mensch ist sich bewußt, und wie eine hohe bleibende Wand, an der die Schatten vorübergehen. Alle Dinge mit und neben ihm gehen dahin, einer fremden Willkür und Macht unterworfen; er ist sich selbst anvertraut, und trägt sein Leben in seiner Hand.
Und es ist nicht für ihn gleichgültig, ob er rechts oder links gehe.
Laß Dir nicht weismachen, daß er sich raten könne und selbst seinen Weg wisse.
Diese Welt ist für ihn zu wenig, und die unsichtbare siehet er nicht und kennet sie nicht.
Spare Dir denn vergebliche Mühe, und tue Dir kein Leid, und besinne Dich Dein.
Halte Dich zu gut, Böses zu tun.
Hänge Dein Herz an kein vergänglich Ding.
Die Wahrheit richtet sich nicht nach uns, lieber Sohn, sondern wir müssen uns nach ihr richten.
Was Du sehen kannst, das siehe, und brauche Deine Augen, und über das Unsichtbare und Ewige halte Dich an  G o t t e s  Wort.
Bleibe der Religion Deiner Väter getreu, und hasse die theologischen Kannengießer.
Scheue niemand so viel, als Dich selbst. Inwendig in uns wohnet der Richter, der nicht trügt, und an dessen Stimme uns mehr gelegen ist, als an dem Beifall der ganzen Welt und der Weisheit der Griechen und Ägypter. Nimm es Dir vor, Sohn, nicht wider seine Stimme zu tun; und was Du sinnest und vorhast, schlage zuvor an Deine Stirne und frage ihn um Rat. Er spricht anfangs nur leise und stammelt wie ein unschuldiges Kind; doch, wenn Du seine Unschuld ehrst, löset er gemach seine Zunge und wird Dir vernehmlicher sprechen.
Lerne gerne von andern, und wo von Weisheit, Menschenglück, Licht, Freiheit, Tugend etc. geredet wird; da höre fleißig zu. Doch traue nicht flugs und allerdings, denn die Wolken haben nicht alle Wasser, und es gibt mancherlei Weise. Sie meinen auch, daß sie die Sache hätten, wenn sie davon reden können und davon reden. Das ist aber nicht, Sohn. Man hat darum die Sache nicht, daß man davon reden kann und davon redet. Worte sind nur Worte, und wo sie so gar leicht und behende dahinfahren; da sei auf Deiner Hut, denn die Pferde, die den Wagen mit Gütern hinter sich haben, gehen langsameren Schrittes.
Erwarte nichts vom Treiben und den Treibern; und wo Geräusch auf der Gassen ist, da gehe fürbaß.
Wenn Dich jemand will Weisheit lehren, so siehe in sein Angesicht. Dünket er sich noch; und sei er noch so gelehrt und noch so berühmt, laß ihn und gehe seiner Kundschaft müßig. Was einer nicht hat, das kann er auch nicht geben. Und der ist nicht frei, der da will tun können was er will, sondern der ist frei, der da wollen kann, was er tun soll. Und der ist nicht weise, der sich dünket daß er wisse; sondern der ist weise, der seiner Unwissenheit innegeworden und durch die Sache des Dünkels genesen ist.
Was im Hirn ist, das ist im Hirn; und Existenz ist die erste aller Eigenschaften.
Wenn es Dir um Weisheit zu tun ist; so suche sie und nicht das Deine, und brich Deinen Willen, und erwarte geduldig die Folgen.
Denke oft an heilige Dinge, und sei gewiß, daß es nicht ohne Vorteil für Dich abgehe und der Sauerteig den ganzen Teig durchsäuere.
Verachte keine Religion, denn sie ist dem Geist gemeint, und Du weißt nicht, was unter unansehnlichen Bildern verborgen sein könne.
Es ist leicht zu verachten, Sohn; und verstehen ist viel besser.
Lehre nicht andre, bis Du selbst gelehrt bist.
Nimm Dich der Wahrheit an, wenn Du kannst, und laß Dich gerne ihrentwegen hassen; doch wisse, daß Deine Sache nicht die Sache der Wahrheit ist, und hüte, daß sie nicht ineinanderfließen, sonst hast Du Deinen Lohn dahin.
Tue das Gute vor Dich hin, und bekümmre Dich nicht, was daraus werden wird.
Wolle nur einerlei, und das wolle von Herzen.

Sorge für Deinen Leib, doch nicht so als wenn er Deine Seele wäre.
Gehorche der Obrigkeit, und laß die andern über sie streiten.
Sei rechtschaffen gegen jedermann, doch vertraue Dich schwerlich.
Mische Dich nicht in fremde Dinge, aber die Deinigen tue mit Fleiß.
Schmeichle niemand, und laß Dir nicht schmeicheln.
Ehre einen jeden nach seinem Stande, und laß ihn sich schämen, wenn ers nicht verdient.
Werde niemand nichts schuldig; doch sei zuvorkommend, als ob sie alle Deine Gläubiger wären.
Wolle nicht immer großmütig sein, aber gerecht sei immer.
Mache niemand graue Haare, doch wenn Du recht tust, hast Du um die Haare nicht zu sorgen.
Mißtraue der Gestikulation, und gebärde Dich schlecht und recht.
Hilf und gib gerne, wenn Du hast, und dünke Dir darum nicht mehr; und wenn Du nicht hast, so habe den Trunk kalten Wassers zur Hand, und dünke Dir darum nicht weniger.
Tue keinem Mädchen Leides, und denke, daß Deine Mutter auch ein Mädchen gewesen ist.
Sage nicht alles, was Du weißt, aber wisse immer, was Du sagest.
Hänge Dich an keinen Großen.
Sitze nicht, wo die Spötter sitzen, denn sie sind die elendesten unter allen Kreaturen.
Nicht die frömmelnden, aber die frommen Menschen achte, und gehe ihnen nach. Ein Mensch, der wahre Gottesfurcht im Herzen hat, ist wie die Sonne, die da scheinet und wärmt, wenn sie auch nicht redet.
Tue was des Lohnes wert ist, und begehre keinen.
Wenn Du Not hast, so klage sie Dir und keinem andern.
Habe immer etwas Gutes im Sinn.

Wenn ich gestorben bin, so drücke mir die Augen zu, und beweine mich nicht.
Stehe Deiner Mutter bei, und ehre sie solange sie lebt, und begrabe sie neben mir.
Und sinne täglich nach über Tod und Leben ob Du es finden möchtest, und habe einen freudigen Mut; und gehe nicht aus der Welt, ohne Deine Liebe und Ehrfurcht für den Stifter des Christentums durch irgend etwas öffentlich bezeuget zu haben.
                                                                                                                                                        Dein treuer Vater.               

(1799 / 1803)