Abendlied

 

Der Mond ist aufgegangen

   Die goldnen Sternlein prangen

Am Himmel hell und klar;

Der Wald steht schwarz und schweiget,

Und aus den Wiesen steiget

   Der weiße Nebel wunderbar.

 

Wie ist die Welt so stille,

Und in der Dämmrung Hülle

   So traulich und so hold!

Als eine stille Kammer,

Wo ihr des Tages Jammer

   Verschlafen und vergessen sollt.

 

Seht ihr den Mond dort stehen? -

Er ist nur halb zu sehen,

   Und ist doch rund und schön!

So sind wohl manche Sachen,

Die wir getrost belachen,

   Weil unsre Augen sie nicht sehn.

 

Wir stolze Menschenkinder

Sind eitel arme Sünder,

   Und wissen gar nicht viel;

Wir spinnen Luftgespinste,

Und suchen viele Künste,

   Und kommen weiter von dem Ziel.


 

 

Gott, laß uns  d e i n  Heil schauen,

Auf nichts Vergänglichs trauen,

   Nicht Eitelkeit uns freun!

Laß uns einfältig werden,

Und vor dir hier auf Erden

   Wie Kinder fromm und fröhlich sein!

 

* * *

 

Wollst endlich sonder Grämen

Aus dieser Welt uns nehmen

   Durch einen sanften Tod!

Und, wenn du uns genommen,

Laß uns in Himmel kommen,

   Du unser Herr und unser Gott!

 

So legt euch denn, ihr Brüder,

In Gottes Namen nieder;

   Kalt ist der Abendhauch.

Verschon' uns, Gott! mit Strafen,

Und laß uns ruhig schlafen!

   Und unsern kranken Nachbar auch!

 

 

(1778 / 1783)



Ludwig Richter, aus "Neuer Strauß fürs Haus", 1864
Ludwig Richter, aus "Neuer Strauß fürs Haus", 1864
Ludwig Richter, Illustration zu "Der Mond ist aufgegangen", 1856
Ludwig Richter, Illustration zu "Der Mond ist aufgegangen", 1856